Die Rotte kommt über die Brücke in die Stadt

Aargau | 12.09.2017 16:07, AZ/NW, 0 Kommentare

Was suchen Wildschweine in der Stadt? Und was tun, wenn man auf sie trifft?

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Am Dienstag, 5. September, kurz vor 2 Uhr marschierten neun Wildschweine über den Zollrain in die Aarauer Altstadt. STADTPOLIZEI/UELI WILD

Fuchs, Dachs, Marder – die Altstadtbewohner sind sich in Sachen Wildtiere vor der Haustür einiges gewohnt. Doch die Wildschweinrotte, die letzte Woche munter über die Kettenbrücke und via Zollrain in die Altstadt hinauf trottete und dabei von der Überwachungskamera aufgezeichnet wurde, war ein ungewohnter Anblick. Nicht nur für den Stadtpolizisten, der die Rotte auf den Kamerabildern entdeckt hat, sondern auch für den Aarauer Jagdaufseher René Senn.

«Wildschweine haben schon im Ortsteil Rohr oder im Schachen Gärten und Wiesen durchwühlt», sagt Senn. Letzte Woche wurde ausserdem eine Rotte beim Durchschwimmen der Aare zwischen Niedergösgen und Schönenwerd beobachtet, wie «20 Minuten» berichtete. «Dass sie nun aber in der Altstadt auftauchen, ist neu», sagt Jagdaufseher Senn. Richtig überrascht darüber sei er aber nicht. «Heute ist diesbezüglich nichts mehr unmöglich. Wir müssen uns an Wildtiere in unserer unmittelbaren Nachbarschaft gewöhnen.»

Senn vermutet, dass die Tiere aus der Gegend um Küttigen stammen, im Fricktal sei der Bestand gross. Was die Wildschweine in der Stadt gesucht haben könnten, darüber lässt sich nur spekulieren. Dass sie wie Fuchs und Dachs im Abfall nach Essbarem suchen, glaubt Senn weniger, auch wenn die Sau als Allesfresser auch hier fündig würde. «Die Wildschweine haben vermutlich einen Weg in den Süden gesucht.» Ein Weg, der ihnen nicht nur durch die Aare, sondern auch durch die Autobahn und die Bahnlinie versperrt bleibt. Da nützen laut Senn auch die Wildtierkorridore nur beschränkt etwas. «Wildschweine sind nicht standortbestimmt und sind immer auf der Suche nach neuen Gebieten, die sie entdecken können. Wildschweine sind Gwundernasen», sagt Senn.

Mit gesundem Menschenverstand
Anders als Füchse oder Dachse kommen Wildschweine nicht einzeln daher. So zählte die Rotte von letzter Woche vier Bachen und fünf Jungtiere. Was, wenn man einer solchen Rotte in der Stadt über den Weg läuft? «Ruhe bewahren», meint Senn, «und den Tieren aus dem Weg gehen.» Normalerweise würden auch die Wildschweine dem Menschen ausweichen. Eine Gefahr gehe von den Tieren erst aus, wenn man sie in die Enge treibt. «Solange man den gesunden Menschenverstand walten lässt, geschieht nichts.»

Trotzdem hofft Senn, dass der Ausflug der Rotte einmalig bleibt. «Wildtiere in städtischem Umfeld verunsichern die Leute. Und unsichere Leute reagieren oft auch falsch.» Kritisch werde es dann, wenn die Leute die Tiere füttern. Ab dann hätten sie allen Grund, regelmässig wiederzukommen. Einen Weg, die Wildschweine aus der Stadt fernzuhalten, sieht Senn nicht. «Das sind Wildtiere, die bewegen sich so, wie es ihnen passt», sagt der Jagdaufseher und verweist auf Berlin, wo geschätzt rund 4000 Wildschweine leben und – obwohl eigentlich nachtaktiv – auch am heiterhellen Tag durch die Stadt spazieren.

Die Rotte von letzter Woche jedenfalls hielt es nicht lange in der Altstadt aus. Nach zwei Minuten und acht Sekunden hat die Kamera sie wieder aufgenommen – diesmal nicht gemütlich trottend, sondern im gestreckten Galopp. Ob die Tiere am Schaufenster der Metzgerei Speck an der Ecke zum Zollrain vorbeimarschiert sind und deshalb panisch die Flucht ergriffen haben?

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