«Bei schönem Wetter bin ich vergeben»

Stefan Wälchli aus Riken hat sich vor über 20 Jahren seiner Leidenschaft, dem Ballonfahren, verschrieben. Kürzlich hat der 45-Jährige in Frankreich mit anderen Piloten einen Weltrekord aufgestellt. Im Interview spricht er über brenzlige Situationen, seinen Flaschen-Ballon – und weshalb er nicht von der Ballonfahrtleben möchte. Zudem er erzählt von seinen Erfahrungen mit Drohnen, die ihm manchmal gefährlich nahe kommen.

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Sie sind Ballonfahrer, obwohl Sie unter Höhenangst leiden. Wie passt das zusammen?
Stefan Wälchli: Es ist so, dass ich mich auf hohen Türmen und vor Abgründen nicht wohlfühle. Im Ballon tritt aber keine Höhenangst auf. Das begründet sich damit, dass man keine Verbindung zum Boden hat und der Körper dadurch das Gleichgewicht nicht ausbalancieren muss. Zudem ist man sehr langsam unterwegs. Ich geniesse jede Fahrt!

Was hat Sie vor über 20 Jahren dazu bewogen, die Ausbildung zu absolvieren?
Ich bin durch meinen Vater zum Ballonfahren gekommen. Er hat die Ausbildung selber absolviert und uns jeweils mitgenommen. Das Ballonfahren hat mich immer fasziniert. Mit 22 Jahren habe ich den Entschluss gefasst, selber zu fahren. Einer, der sich entscheidet, Ballonfahrer zu werden, dessen Leben verändert sich.

Inwiefern?
Ballonfahren macht süchtig. Es ist ein Hobby, das sich aufs ganze Umfeld auswirkt. Es ist daher wichtig, dass die Familie hinter mir steht, insbesondere meine Frau. Bei schönem Wetter bin ich vergeben.

Sie sagen, dass Sie süchtig danach sind. Was macht für Sie die Faszination Ballonfahren aus?
Es sind verschiedene Faktoren, die mitspielen. Einerseits kann ich vielen Leuten etwas Wunderschönes bieten, andererseits ist es die Herausforderung, stets die richtigen Entscheide zu fällen. In der Luft verspüre ich ein gutes Gefühl; etwas zwischen Freiheit, Ruhe, immer von einer gewissen Anspannung begleitet. Diese lässt erst nach, wenn ich wieder sicher am Boden bin.

Wie oft und bei welchen Gelegenheiten steigen Sie in der Weidekorb?
Wann immer es das Wetter zulässt und ich es mit dem Beruf vereinbaren kann, gehe ich in die Luft. Im Jahr sind das über 100 Mal. Jede Fahrt ist einzigartig und nicht wiederholbar. Ich kann 50 Mal am gleichen Startplatz loslegen und 50 Mal an einem anderen Ort landen. Der Wind bestimmt, wohin es geht.

Wie verständnisvoll sind Landwirte, wenn Sie auf ihren Wiesen landen?
Eigentlich klappt das sehr gut. Wir versuchen so zu landen, dass es keinen Landschaden gibt. Allerdings steht die Sicherheit der Passagiere im Vordergrund und ich würde – wenn es die Situation erfordert – notfalls auch einmal in einem Maisfeld landen.

Haben Sie schon brenzlige Situationen erlebt?
Das fragen mich fast alle Passagiere. Wahrscheinlich hat es einige dieser Situationen gegeben, die ich aber meist erst im Nachhinein als heikel eingestuft habe. Während der Fahrt muss man funktionieren und an seinen Entscheiden festhalten. Der Ballon kann nicht mit einem Auto verglichen werden, das beim Betä- tigen der Bremse unmittelbar stillsteht. Er ist eher wie ein grosses Schiff, alles ist sehr träge. Ein Zurück gibt es in der Ballonfahrt nicht, wenden ist unmöglich. Bisher hat es bei mir noch nie Verletzte gegeben. Ich mache manchmal aber Fahrten mit Kollegen, bei denen ich bewusst etwas mehr ans Limit gehe, das heisst aber nicht, dass es gefährlich ist.

Ballonfahrer schlagen immer mehr Alarm: Drohnen kommen ihnen gefährlich nahe. Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?
Ich habe ein paar gute Freunde, die Drohnen fliegen. Wenn abgesprochen ist, dass uns eine Drohne während der Fahrt filmt, habe ich keine Mühe damit. Ich bin aber einmal im Raum Zürichsee einer Drohne auf über 1000 Metern begegnet. Mit dem Piloten zu kommunizieren, war nicht möglich und ich wusste vor allem auch nicht, ob er die Lage im Griff hat. Das war unangenehm. Heute kann jedes Kind eine Drohne kaufen, nicht jeder ist sich aber bewusst, was es heisst, sich in einem Luftraum zu bewegen.

Was würde bei einem Zusammenstoss passieren?
Der Ballon würde nicht abstürzen, man müsste einfach mehr heizen. Es ist aber für alle Beteiligten unangenehm und es würde ein Schaden an der Ballonhülle entstehen. Die Fahrt würde ich abbrechen.

Besteht Handlungsbedarf, was Drohnen anbelangt?
Meiner Meinung nach muss man gegen Drohnen nichts unternehmen. Ich bin aber der Ansicht, dass diejenigen Personen, die mit Drohnen unterwegs sind, sich auch mit den Regeln vertraut machen müssen.

Dichtestress am Himmel: Auch Ballone und Flugzeuge kommen sich immer mehr in die Quere. Skyguide fordert deshalb, dass alle mit einem Sender ausgerüstet werden. Was halten Sie davon?
Das finde ich gut, ich habe auch einen Transponder, damit ich auf dem Radar der Flugsicherung sichtbar bin. Es dient letztlich meiner eigenen Sicherheit. Es ist wichtig, dass man sich an die Luftraumstrukturen hält. Das bedingt, dass man ständig wissen muss, wo man sich befindet. Mit der heutigen Technik ist das aber problemlos möglich.

Ab und zu hört man trotzdem von Ballonen, die in Bäumen hängen bleiben oder abstürzen. Wie sicher ist das Gleiten im Weidekorb effektiv?
Ballonfahren ist grundsätzlich sehr sicher. In der Fliegerei ist es meist so, dass ein Unfall eine Verkettung von verschiedenen unglücklichen Umständen ist. Das beginnt vielleicht schon beim Entscheid, ob man überhaupt startet oder nicht. Der Pilot steht manchmal unter Druck, weil ein Sponsor möchte, dass der Ballon am Himmel zu sehen ist, doch das Wetter spielt nicht mit. Dann kommt der innere Kampf, weil man das gerne bieten möchte und es geht nicht. Die Grenzen darf man aber nie überschreiten.

Sie haben das Sponsoring angesprochen. Wie kostspielig ist Ihr Hobby?
Die Ausbildung zum Ballonfahrer kostet rund 15'000 Franken. Für einen Ballon inklusive Korb und Autoanhänger muss man mit 100'000 Franken rechnen. Ich habe inzwischen sieben Ballone, dazu suche ich mir Partner aus. Der Ballon eignet sich ideal als riesige Werbefläche. Wir gehen mit den Unternehmen Verträge ein und garantieren Präsenz am Himmel. Immer vorausgesetzt, das Wetter spielt mit.

Was heisst das?
Entscheidend ist vor allem der Wind. Anhand von Wetterdaten der Flugwetterzentrale Zürich entscheide ich, ob eine Ballonfahrt möglich ist oder nicht. Ein Ballonfahrer ist immer auch ein guter Meteorologe. Ich kann nirgends anrufen und fragen, ob ich heute starten kann. Es gilt der Grundsatz: Lieber am Boden sein und bereuen, nicht gestartet zu sein, als oben in der Luft zu sein und denken, wäre ich doch bloss nicht gestartet. Es ist auch nicht jeder Ballon gleich. Die Handyflasche ist aufgrund ihrer Form viel anfälliger gegen Wind und neigt eher dazu, zu schwanken.

Der Ballon in Form einer orangen Spülmittelflasche hat Sie weitherum bekannt gemacht. Wie sind Sie zu diesem Ballon gekommen?
Ich arbeite seit 30 Jahren bei der Migros, vor über 10 Jahren habe ich den Vorschlag gemacht, einen solchen Ballon produzieren zu lassen. Das hat Anklang gefunden. Die Handyflasche gibt es nur einmal in der Schweiz. Dieses Jahr hat eine Pilotin aus der Ostschweiz den Ballon gefahren. Jetzt zieht er weiter in die Westschweiz zu einem Piloten. Der Ballon hat die Aufgabe, möglichst in der ganze Schweiz an vielen Standorten Aufmerksamkeit zu generieren.

Sie arbeiten im Aussendienst. Wäre es grundsätzlich möglich, von den Ballonfahrten zu leben?
Es gibt ein paar wenige Piloten, die davon leben. Ich habe eine Grösse und das Equipment, dass ich das wahrscheinlich auch könnte. Aber ich möchte das nicht. Das Ballonfahren ist wie ein Virus, ich bin Feuer und Flamme dafür. Meine Kunden und alle, die mit mir darüber reden, spüren dies. Das soll so bleiben. Wenn ich davon leben würde, wäre die Motivation eine andere. Nach einer Regenperiode, die über Wochen andauert, ist die Motivation nicht mehr «ich hätte wieder einmal Lust», sondern «ich muss jetzt einfach in die Luft, damit es Geld gibt». Das möchte ich nicht.

Sie haben kürzlich am grössten Ballontreffen in Frankreich teilgenommen und einen Weltrekord aufgestellt. Was bedeutet Ihnen das?
456 Ballone sind auf einmal gestartet. Das hat es noch nie gegeben. Dieses Bild, das sich am Himmel zeigt, ist einmalig. Aber wir sind einfach 1/456 von diesem Weltrekord. Wenn man deswegen mal in einem Buch auftaucht, ist das sicher schön. Wir nehmen seit den 90er-Jahren regelmässig an diesem Ballontreffen teil. Für uns ist das ein Mix aus Familienferien und Ballonfahren. Einige Piloten nehmen in diesem Rahmen an Wettkämpfen teil. Aber ich bin nicht der Typ dafür.

Weshalb nicht?
Es geht darum, dass man Aufgaben löst und die Ziele erreicht. Das ist sehr spannend, aber es ist überhaupt nicht meine Welt. Die Technik spielt eine grosse Rolle. Oft hat man Laptops als Hilfsmittel dabei. An Plauschwettbewerben habe ich zwar schon mitgemacht, aber das ist nicht der Rede wert. Mein Erfolg ist, wenn ich den Leuten etwas Schönes bieten kann und sie Freude daran haben.

Welches waren bis jetzt die schönsten Gebiete, die Sie mit dem Ballon überfahren haben?
Die Schweiz, weil sie so abwechslungsreich ist. Wir haben viele Seen und Berge, immer wieder zieht man an Häusern vorbei. Das findet man so nirgends. Frankreich gefällt mir auch gut. Es gibt unendlich weite Flächen und man muss sich nicht gross Gedanken machen, wo man landet. Bisher haben sich meine Ballonfahrten auf Orte in Europa beschränkt. Ich würde aber noch gerne viele weitere Länder mit dem Ballon bereisen, das ist etwas ganz Spezielles.

In 19 Tagen, 21 Stunden und 47 Minuten schaffte Bertrand Piccard mit Brian Jones 1999 mit dem Ballon die Weltumrundung. Wäre etwas Ähnliches ein Thema für Sie?
Nein (lacht). Die Leistung, die die beiden erbracht haben, ist einmalig. In einer geschlossenen Kapsel sind die beiden Piloten gesessen, mehr oder weniger ferngesteuert und von einem riesigen Team an Meteorologen begleitet. Ich habe einen Riesenrespekt davor und ich möchte die Leistung nicht schmälern, aber für mich ist das nicht Ballonfahren.

Sondern?
Ballonfahren ist für mich draussen sein, die Natur zu geniessen und es mit den Leuten gut zu haben. Ich gehe immer auch gerne wieder auf den Boden zurück, um mit den Passagieren auf eine gute Fahrt anzustossen.

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