Die kürzeste Bahnhofstrasse der Welt

Zofingen | 18.04.2016 09:00, KBZ, 0 Kommentare

Die Bahnhofstrasse ist nur 43 Meter lang, hat keine Eingangstüre und auch keinen teuren Markenladen

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Blick in die Zofinger Bahnhofstrasse vom Alten Postplatz her. (Foto: KBZ)

Zofingens Altstadt kennt als Verkehrswege nur Gassen und Plätze – mit einer Ausnahme: die Bahnhofstrasse. Sie führt vom Alten Postplatz zur Unteren Grabenstrasse/Bahnhof. Sie ist eine Besonderheit, schon allein wegen ihrer Länge beziehungsweise ihrer Kürze: sie misst bloss 43 m. Links und rechts steht je ein Gebäude, allerdings ohne Eingang von der Bahnhofstrasse her: die Drogerie Müller (Pfistergasse 1) und die Neue Aargauer Bank (Vordere Hauptgasse 68). Beide Liegenschaften sind reine Geschäftshäuser ohne Wohnraum. Die Bahnhofstrasse ist entstanden, als man die Ringmauer durchbrach und die Altstadt zum Bahnhof hin öffnete.

Eine geschlossene Siedlung

Während Jahrhunderten bot die Stadt Zofingen, wie andere Städte auch, in ihrer äusseren Erscheinung einen kaum veränderten Anblick. Hohe Mauern, wehrhafte Türme, Wall und Graben stellten sich im Rund schützend um Häuser und Höfe. Erst die planmässigen Ansichten seit 1720 (sogenannte Planveduten) vermitteln einen einigermassen zuverlässigen Begriff von der Anlage der Stadt, vom Aussehen ihrer Bauten und vor allem auch von der Führung der Verkehrswege. Das 19. Jahrhundert und die mit ihm anbrechende neue Zeit brachten dann grundlegende Veränderungen: Licht, Luft und Sonne erhielten Einzug. Der Hygiene und der Sauberkeit mussten die vielen Jauchelöcher und die Mistwürfe weichen.

Zu den ehemaligen vier Ein- und Ausgängen (Oberes und Unteres Stadttor sowie das Schützentörchen im Osten und das Hellmühletörchen im Westen) kamen weitere hinzu: zwischen den Pfarrhäusern und dem Kirchgemeindehaus, beim Bärenhof, beim Pulverturm sowie der Durchgang von der Pfistergasse in die Untere Grabenstrasse und der Ein- und Ausgang zum Bahnhof.

Im Hinblick auf den Einzug der Eisenbahn auch in Zofingen wurde 1853 die Bahnhofstrasse gebaut und 1877 erweitert. Sowohl auf der nördlichen als auch auf der östlichen Seite des neuen Verkehrswegs wurden Scheunen errichtet. Die nördliche wich 1930/31 dem Bau der Allgemeinen Aargauischen Ersparniskasse, der heutigen Neuen Aargauer Bank, und aus der südlichen wurde 1876/77 das Postgebäude. Als die Post Anfang der Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts an die Untere Grabenstrasse dislozierte, wurde daraus das Warenhaus von Felbert, später das Warenhaus Jelmoli und aktuell ist hier die Drogerie Müller zu Hause.

Markant Richtung Grabengarten/Bahnhof ist der halbrunde Folter- oder Strecketurm zu erkennen, der ums Jahr 1363 herum errichtet worden ist, in der Zeit Herzog Rudolfs IV. von Österreich.

Örtliche Textilunternehmer zeigten Interesse

Nachdem die eidgenössischen Räte im Sommer 1852 beschlossen hatten, Bau und Betrieb von Eisenbahnen der Privatinitiative zu überlassen, wurde am 26. August 1852 in Basel die Schweizerische Centralbahngesellschaft gegründet. Im Verwaltungsrat nahm der ehemalige Zofinger Stadtammann Samuel Friedrich Siegfried Einsitz, aargauischer Regierungsrat und im Nationalrat Mitglied der Eisenbahnkommission. Auf Anregung Siegfrieds setzte der Zofinger Stadtrat bereits vier Tage später eine städtische Eisenbahnkommission ein, welche die Interessen Zofingens bei der Centralbahn propagieren sollte.

Vor allem die örtlichen Textilunternehmer zeigten ebenfalls Interesse am neuen Verkehrsmittel; mit drei Personen war sie im Gremium gut vertreten. Opposition gegen die Eisenbahn gab es nicht und Zofingen schlug der Centralbahn vor, die Abzweigung nach Westen in Zofingen vorzunehmen und die Bahn über Strengelbach und Vordemwald durch den Boonwald nach Roggwil und Langenthal zu führen. Die Centralbahn prüfte den Vorschlag, lehnte ihn jedoch in der Folge ab. Ausser Zofingen selbst setzte sich niemand ernsthaft für die Niklaus-Thut-Stadt ein.

Zofingen musste sich schliesslich mit einem Bahnhof an der Linie Olten–Luzern begnügen – und mit der kürzesten Bahnhofstrasse der Welt.

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