Der «Bahnhof» ist auf «fremdem Boden»

Walterswil | 16.04.2016 08:43, KBZ, 0 Kommentare

Zur «Nazeli»-Haltestelle Walterswil-Striegel führt der idyllische Bahnhöfliweg. 

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Blick von der «Nazeli»-Haltestelle Walterswil-Striegel Richtung Walterswil. Von der Barriere weg führt der Bahnhöfliweg über die A1 nach Walterswil. (Foto: kbz)

Als am 6. September 1877 der erste Zug der Schweizerischen Nationalbahn von Baden Oberstadt her über Lenzburg und Suhr nach Zofingen dampfte, gab es in der Region Zofingen an der «Nazeli»-Strecke nur die Bahnhöfe in Kölliken, Safenwil und Zofingen. Küngoldingen bekam erst 1914 eine Haltestelle, Kölliken Oberdorf 1946 und Walterswil-Striegel 1948. Walterswil war sich der Ehre, einen eigenen «Bahnhof» erhalten zu haben, umgehend vollauf bewusst und nannte deshalb die Strassenverbindung zwischen Walterswil und der Haltestelle künftig «Bahnhöfliweg».

Eine Sackgasse über die A1

Dieser ist ab der Walterswilerstrasse als Sackgasse ausgeschildert. Von der Haltestelle weg gehen dann Fuss- und Velowege Richtung Striegel und Winterhalden. Am Bahnhöfliweg firmiert gemäss Telefonbucheintrag einzig die Allround-Garage Dany Lanz (Bahnhöfliweg 2). Der Weg als Zubringer zum öffentlichen Verkehr ist insofern eine Besonderheit, als er im solothurnischen Walterswil anfängt, dann über die A1 führt (die hier ein kurzes Stück Solothurner Territorium beschlägt) und anschliessend bei der Haltestelle Walterswil-Striegel auf Boden des aargauischen Oftringen endet.

Übrigens: Heisst es nun Bahnhof, Station oder Haltestelle Walterswil-Striegel? Heute wird im SBB-Jargon in der Regel nur noch von Bahnhöfen gesprochen und geschrieben, gleich welcher Grösse. Noch vor wenigen Jahren gab es klare Unterscheidungsmerkmale zwischen Bahnhöfen, Stationen und Haltestellen, was vor allem auch Auswirkungen auf den Lohn der betreffenden Mitarbeitenden hatte. Haltestellen zum Beispiel verfügten über kein eigenes Stellwerk und waren daher normalerweise personell auch nicht bedient (sofern damit nicht eine Barriere verbunden war wie in Küngoldingen). Heute werden die allermeisten Stellwerke von zentralen Orten aus ferngesteuert.

Lebendiger Zeitzeuge

Die Haltestelle – oder eben der Bahnhof – Walterswil-Striegel ist ein interessanter Zeitzeuge der lokal-regionalen Bahngeschichte. Oftringen war seinerzeit bitterböse, als die Gemeinde weder 1856 bei der Eröffnung der Schweizerischen Centralbahn (Strecke Olten–Zofingen–Luzern) noch 1877 bei der Inbetriebnahme der Schweizerischen Nationalbahn in den Genuss eines eigenen Bahnhofs kam. Es wurde heftig dafür gekämpft und auch heftig darum gestritten. Ausgangspunkt für das Engagement um einen eigenen Bahnhof war der 1. Oktober 1831, als auf Wunsch der Gemeinden Safenwil, Kölliken und Entfelden einer der Postwagen, die zwischen Bern und Aarau verkehrten, statt über Aarburg–Olten–Aarau über die Kreuzstrasse geführt wurde. Die in der Folge günstige Entwicklung der Kreuzstrasse zu einem Verkehrsknotenpunkt ersten Ranges erfuhr mit dem Bau der Eisenbahn dann nicht die gewünschte und auch erhoffte Fortsetzung. Die Schweizerische Centralbahn wollte nichts wissen von einem Bahnhof Kreuzstrasse – Aarburg-Oftringen wurde realisiert.

Mit dem Bekanntwerden der Idee einer «Volksbahn» wurde wieder Zuversicht geschöpft. Die Absicht, diese Bahn von Safenwil her via Oftringen – mit einem Bahnhof Kreuzstrasse – nach Zofingen zu leiten, fand grosse Sympathie, und die Oftringer Einwohnergemeindeversammlung vom 17. November 1872 zeichnet 100000 Franken am Aktienkapital. Gewählt wurde jedoch eine andere Linienführung – und Oftringen ging wiederum leer aus, bezahlte dafür aber auch nichts an den «Nazeli»-Konkurs.

1914 kam Küngoldingen

Doch die Hoffnung wurde nicht begraben. Ein jahrzehntelanges Hin und Her führte schliesslich dazu, dass sich die SBB einverstanden erklärten, eine Haltestelle Küngoldingen zu schaffen. Voraussetzung war allerdings, dass das private Angebot, das benötigte Land gratis abzutreten sowie 2000 Franken zu spenden, erfüllt werde und die Gemeinde für die Beschaffung von billigem Wasser besorgt sei und zudem 4000 Franken beisteure. 1914 wurde die Haltestelle Küngoldingen in Betrieb genommen.

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