Vom Architekturbüro zur Asylunterkunft

Rothrist | 15.04.2016 10:12, kf, 0 Kommentare

Werner Christen hat sein Geschäft gezügelt und das Haus an der Bahnhofstrasse 3 der Gemeinde vermietet.

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Die Bahnhofstrasse 1989. Auf der Wiese befinden sich heute Wohnblöcke, ansonsten hat sich das Gebiet nicht weiterentwickelt. (Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Comet Photo AG (Zürich))

«Es ist halt noch ein Provisorium», sagt Werner Christen beim Öffnen der Türe. Vor rund einem Monat hat der 68-Jährige sein Architekturbüro von der Bahnhofstrasse 3 an die Bernstrasse in Rothrist verlegt. Sein Zweifamilienhaus unmittelbar neben dem Bahnhof hat er vermietet - an die Gemeinde als Unterkunft für Asylsuchende. Seit Ende März leben dort 18 alleinstehende Männer aus Syrien. «Das Gebäude ist mir mit der Zeit zu gross geworden. Ich bin bereits zu 25 Prozent im Rentenalter», erklärt er. Aus diesem Grund habe er die Idee der Gemeinde - sein Haus zu vermieten - als sinnvoll erachtet.

Obwohl der Rothrister während 35 Jahren an der Bahnhofstrasse 3 ein- und ausging, ist ihm der Umzug «nicht besonders schwer» gefallen. Er habe bei dieser Gelegenheit rund 150 Archivkartons entsorgt, sagt Christen, der das Haus im Jahr 1981 erworben hatte. Zu Beginn habe im Erdgeschoss des Hauses mit rund 860 m² Umschwung übrigens eine Italienerfamilie gelebt, blickt er zurück. Im ersten Stock richtete er schliesslich sein Architektur- und Planungsbüro ein. «Die Firma ist rasch gewachsen und bald haben wir das ganze Haus für uns beansprucht», erzählt der Architekt.

Kebab statt Käse

Werner Christen erinnert sich noch bestens an die Bahnhofstrasse der Achtzigerjahre. Er zeigt auf einem Plan auf das Bahnhofgebiet: «Die Post war dort, wo heute das Restaurant Passage ist, die Käserei am Standort des Pizza- und Kebab-Kuriers. Es hatte auch eine Metzgerei, eine chemische Reinigung und eine Schreinerei», so Christen und ergänzt: «Ja, es war ein kleines Zentrum». Vieles hat sich in den vergangenen Jahren verändert, in denen Werner Christen an der Bahnhofstrasse tätig war. Stets geblieben sind aber das Reisebüro Gerber, das Restaurant Bahnhof und auch das Lebensmittelgeschäft der Familie Redigolo. Die Wohnblöcke an der Bahnhofstrasse, 10, 12, 14 und 16 seien erst später erbaut worden.

Aus dem Regal nimmt Werner Christen das Buch «Gruss aus Rothrist» hervor und zeigt auf eine Abbildung von zirka 1930 mit der Aufschrift Bahnhof. «An diesen idyllischen Bahnhofplatz kann ich mich gut erinnern. Wir kauften ab und zu etwas am Kiosk unter den Bäumen», sagt Christen, der in Rothrist aufgewachsen ist. Nach dem Abschluss an der Kantonsschule Aarau studierte er an der ETH in Zürich Architektur. «Mich fasziniert, dass ich als Architekt in gewissen Bereichen etwas gestalten und damit auch die entsprechende Landschaft prägen kann». Besonders stolz sei er auf die Siedlung am Nussweg in Rothrist und den Neubau des Alters- und Pflegeheims Luegenacher. Von kleineren Anbauten bis zu grossen Industriebauten habe er unzählige Häuser aller Art realisiert. Jedoch keines an der Bahnhofstrasse.

Schweizweit einen guten Ruf

Besonderheiten gäbe es an der 340 Meter langen Bahnhofstrasse in Rothrist nicht. «Der einzige repräsentative Bau ist das Restaurant Bahnhof mit der Gartenwirtschaft», sagt der Architekt. Vor der Aufhebung des Bahnüberganges beim Bahnhof um 1977 haben sich dort die Bern-Zürichstrasse und die Bern-Baselstrasse gekreuzt. «Das Restaurant hatte schweizweit einen guten Ruf.» Danach habe sich das Gebiet nicht mehr weiterentwickelt. «Vom Bild her ist die Bahnhofstrasse nichts Attraktives. Die Häuser sind in die Jahre gekommen, es wurde nie etwas Neues realisiert.»

Doch dies könnte sich vielleicht bald ändern: «Im Gebiet rund um den Bahnhof wird ein Gestaltungsplan ausgearbeitet», verrät Werner Christen, der mitinvolviert ist. Er gehe davon aus, dass es die Bahnhofstrasse 3 einmal nicht mehr geben werde. Mehr Worte will er darüber aber nicht verlieren. Ein Zurückziehen in seine Liegenschaft neben dem Bahnhof schliesst er aber definitiv aus.

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