Opernsänger, Eichmeister, Schriftsteller

Aarburg | 14.04.2016 10:28, no, 0 Kommentare

An dieser Bahnhofstrasse lebten und arbeiteten viele Grössen – und die älteste Plakatwand steht hier.

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Wo heute ein Parkplatz ist, stand früher die Borna (Nora Bader)

Kein Weg führte um 1900 an Aarburg vorbei. Der Bahnhof im Städtli war der Warenumschlagplatz schlechthin und was Reisende betraf das heutige Olten sozusagen. Auch jeder Ballen Baumwolle für die Weberei kam aus Amerika am Bahnhof Aarburg an und wurde mit Handwagen in die «Webi» gebracht. Während die Bahnhofstrasse heute ausschliesslich eine Wohnstrasse ist, waren zu Zeiten der Industrialisierung viele Firmen und Gaststätten dort angesiedelt. Aber auch die katholische Kirche aus dem Jahre 1942 liegt an der Bahnhofstrasse. Dazu gibt es eine besondere Geschichte, wie Michel Spiess, Museumskurator und Aarburgkenner weiss. «Das Städtli hatte damals einen jungen, dynamischen Pfarrer. Er hiess Adolf Schmid und betreute die Pfarrgemeinden Aarburg und Rothrist.» Das Pfarramt gehörte zur Kirche Zofingen. Viele Innerschweizer kamen nach Aarburg zur Arbeit. Vorwiegend handelte es sich um Italiener, die katholisch waren. Die katholische Gemeinde vergrösserte sich zusehends. Bei der nahe gelegenen Firma Zimmerli gab es gar einen Schopf, der zum Beten genutzt werden konnte. Dieser Betschopf wurde allerdings nicht nur von den Katholiken in Anspruch genommen, sondern auch von verschiedenen Brüdervereinigungen. «Wenn die Katholiken Messe hatten, waren sie zu früh da und mussten warten, bis die Vorgänger das Lokal verlassen hatten und der Pfarrer ‹umgebüschelet› hatte», weiss Michel Spiess.

Aber woher eigentlich? «Ich lese immer sehr viel», sagt er darauf. Nicht selten sei es also vorgekommen, dass die Leute vor dem Schopf gefragt wurden, welcher Sekte sie angehören. «Der Betschopf war ein Notnagel.» Der junge Pfarrer von Aarburg begann also, nach Lösungen zu suchen. Er kannte gemäss Michel Spiess einen Baumeister, Anton Hodel, in Oftringen. Dieser kaufte ein Stück Land an der Bahnhofstrasse, aus einem Konkurs. Der Baumeister reservierte dieses Land für eine Kirche. Jetzt musste der Pfarrer allerdings Geld auftreiben. Er schrieb an Missionsgemeinden und Bistümer. Niemand wollte Unterstützung leisten. «Der Pfarrer hat dann auf Biegen und Brechen Leute gefunden, die für den Kirchenbau bürgten», berichtet Spiess. So baute Adolf Schmid die Kirche. Kurz darauf starb er im Alter von erst 42 Jahren, kaum war seine Mission mit dem Kirchenbau erfüllt. Viele Geschichten zu erzählen hat auch das Pfarrhaus mit Baujahr 1880. Hier wohnten unter anderem Heinrich und Emely Wälti-Herzog. Er war Verleger, sie bekannte Opernsängerin. Sie gab Benefizkonzerte und diente mit dem Erlös der Gemeinde. «Viele Kinder spielten früher im Garten des Pfarrhauses. Und die Dame des Hauses strich für alle ‹Ankenböcke›.» Jugendstilmaler Charles Wälti hatte zudem sein Atelier in einem Schopf im Garten des Pfarrhauses.

Ein Kilo ist ein Kilo

Die heutige Arbeits- und Wohngemeinschaft Borna war früher ebenfalls an der Bahnhofstrasse in Aarburg (Bild rechts aus dem Jahr 1900). Heute ist an diesem Ort ein Parkplatz. Vis-à-vis davon befindet sich die älteste Plakatwand des Landes. «Plakatgesellschaft Schweiz» steht da in verlotterten Buchstaben. Für die Renovation wird noch ein Spender gesucht.

«Gegenüber vom Borna-Gebäude war der Eichmeister zu Hause. Das war eine wichtige Persönlichkeit», erzählt Michel Spiess auf einem Spaziergang der Bahnhofstrasse entlang. Denn der Eichmeister, der sei darum besorgt gewesen, dass sich die Leute darauf verlassen konnten, wenn sie ein Kilo Brot kauften, dass es wirklich ein Kilo war. Der Eichmeister kontrollierte die Waagen und Gewichte. Er war für den ganzen Bezirk zuständig.

Und da, wo heute die Handwerkbetriebe des Jugendheims stationiert sind, stand früher die Rohbi, eine mechanische Präzisionsfirma. Diese gibt es heute noch. Die Produktion geht allerdings nicht mehr in der Schweiz vonstatten. Der damalige Besitzer der Rohbi hatte seinen Wohnsitz ebenfalls an der Bahnhofstrasse – wie auch unter anderem die Schriftstellerin Anna Burg alias Lucy Betschen.

«Wenn in der Webi Schichtwechsel war, liefen die Leute reihenweise durch die Bahnhofstrasse», so Spiess, der seit 1985 selber an dieser geschichtsträchtigen Strasse wohnt und arbeitet. Und Arbeiter, die sich damals kein Velo leisten konnten, seien um fünf Uhr morgens in Bottenwil losgelaufen für die Arbeit in Aarburg.

Heute hat der Verkehr merklich zu- und die Anzahl Firmen abgenommen. Dennoch: «An der Aarburger Bahnhofstrasse zu leben, ist für mich etwas Besonderes», sagt Michel Spiess, der auf dieser die Geschichte jedes einzelnen Quadratmeters kennt.

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