Der ruhige Ort mitten im Pendlerstrom

Kölliken | 13.04.2016 09:59, mif, 0 Kommentare

Wo Pendlerströme fliessen, wohnen Asylbewerber und Senioren – und der Friedhof lädt zur Besinnlichkeit.

bilder

Der Bahnhof Kölliken hat sich vom Umschlagplatz zum unbedienten Pendlerbahnhof gewandelt - untertags liegt Ruhe über dem Alterszentrum Sunnmatte (rechts). Bild: mif

Der Bahnhof Kölliken hat ein neues Gesicht erhalten. 1,3 Millionen Franken hat die Gemeinde letzten Sommer bis Winter zum Umbauprojekt der SBB beigetragen. Heute glänzt der Bahnhof mit frisch erstelltenPerrons und einem neuen Wartehäuschen, dem der Kiosk hat weichen müssen. Eine WC-Anlage gibt es inzwischen auch keine mehr am Bahnhof. Die Stimmbürger haben den entsprechenden Kredit über 60000 Franken verworfen. Kleiner Wermutstropfen: Die Perrons sind bereits für die nächste Zuggeneration gebaut. Erst ab 2018 sind sie behindertengerecht nutzbar. Den Kontrapunkt zur Sanierung setzt die seit September 2012 verwaiste Schalterhalle. Halb möbliert wirkt sie wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. Über die Armaturen sind milchigweisse Säcke gestülpt. Noch wissen die SBB nicht, was sie mit diesen Räumlichkeiten anfangen wollen. Ob hier wieder ein Kiosk eingerichtet wird, ist zweifelhaft. Ihren Zigarettenbedarf zum Beispiel decken viele Passanten inzwischen beim unweit gelegenen neuen Denner an der Hauptstrasse. Dauergast am Bahnhof ist einzig das Ehepaar Loser, das seit 2009 in der Wohnung über dem Bahnhof wohnt. Alle anderen kommen und gehen, bleiben kaum einmal stehen.

Laute Zaungäste

Es gibt auch andere Bewohner an dieser Bahnhofstrasse mit sechs Hausnummern. Am lautesten sind klar die Singvögel. Unverdrossen und frohgemut schmettern sie ihr Morgenlied. Die Verstorbenen, die am Ende der Bahnhofstrasse den Friedhof bevölkern, lassen sich davon nicht in ihrer ewigen Ruhe stören. Nur wenige, dafür sehr regelmässig angelegte Grabsteinreihen sind auf dem Rasen neben der Kirche zu sehen. Herkömmliche Gräber jüngeren Datums muss man suchen. Ein Gartenbauer ist gerade dabei, mit einer Baumaschine neue Wege zu verdichten. Diese führen um soeben frisch gestellte Urnenwände aus Sichtbeton herum. «Der Trend geht eindeutig Richtung Urnengrab und Ruhestätte ohne Bepflanzung», sagt Gemeindeschreiber Felix Fischer. «Die Menschen wollen mit den Gräbern nicht viel zu tun haben, deswegen hat die Einwohnergemeinde einen Kredit von 190000 Franken für 192 Nischen bewilligt.» Die blauen Parkplätze vor dem Friedhof stehen an diesem Morgen mit zwei Ausnahmen leer. Viele Besucher kommen zu Fuss direkt von nebenan, genauer vom Alterszentrum Sunnmatte an der Bahnhofstrasse 6. «Die Betagten schätzen es, dass sie ein eigenes Tor zum Friedhof nutzen können», meint Felix Fischer. «Ihren Weggefährten Grüezi zu sagen, gehört für sie zum täglichen Ritual.»

Adressen in Gemeindebesitz

Kirche und Friedhof bestehen schon seit über 500 Jahren. Erst 1877 sind Bahnhof, Geleise und Bahnhofstrasse hinzugekommen. Der grösste Teil des Landes, welches das Trapez aus Hauptstrasse, Bahnhofstrasse und Kirchgasse umfasst, gehört der Einwohnergemeinde Kölliken. Eine Luftaufnahme von 1923 zeigt noch eine mit Bäumen bedeckte Fläche. Der Kölliker Dorfmuseumsverantwortliche Christoph Haller weiss: «Da stand einst ein grosser Obstgarten, der allen Einwohnern offen stand.» Erst in den letzten 30 bis 40 Jahren wurde hier gebaut. Alles entstand im Baurecht – das Land gehört immer noch der Gemeinde. Die Post ist an der Bahnhofstrasse lediglich zur Miete, das Gebäude hat die Gemeinde vom gelben Riesen zurückgekauft.

Die grösste Liegenschaft an der Bahnhofstrasse ist das Alterszentrum Sunnmatte. Das Haus mit den 64 Betten liegt an der Bahnhofstrasse 6, jenes mit den 18 Alterswohnungen an der Nummer 4 im rückwärtig gelegenen Gebäude. Daniel Stauffacher ist seit 2012 Zentrumsleiter der Sunnmatte und damit auch einziger Restaurationsbetreiber beim Bahnhof. «Vor allem im Sommer kehren Bahnhofspassanten hier für einen Morgenkaffee ein», freut er sich. Er geniesst die Ruhe beim Bahnhof. «Das zweimal pro Stunde erklingende Signal der Bahnschranken nehme ich fast nicht mehr wahr.»

Güterumschlag ist passé

Der Bahnhof Kölliken war einst stolzer Umladeplatz. 2006 diente er 25 Landwirten der Region ein letztes Mal dazu, 3500 Tonnen Zuckerrüben maschinell auf die Bahnwagen zu verladen. Die Ladungen gingen in die Zuckerfabriken nach Frauenfeld und Aarberg. Die ausgekochten Schnitze kamen per Güterverkehr wieder zurück und dienten in der Zweitverwertung als Tierfutter. Seit 2007 müssen diese Bauern nun ihre Zuckerrüben in Lenzburg verladen. Es wird stetig optimiert.

Das gilt auch für das älteste Gebäude an der Bahnhofstrasse 1. Die Villa Breitenegg wirkt hinter der hohen Hecke neben dem Bahnhofsgebäude verwunschen. Ein Geheimnis trägt die Villa im Besitz der Ortsbürgergemeinde aber nicht. Das um 1800 erbaute Haus beherbergt ein kantonales Asylzentrum. In absehbarer Zeit soll das Haus, das nicht dem Denkmalschutz untersteht, abgerissen werden. 100000 Franken haben die Ortsbürger dafür gesprochen. Gleiches zieht Gleiches an: Neu sollen hier in absehbarer Zeit 30 neue Alterswohnungen entstehen.

Kommentare (0)

Kommentar schreiben