Der Kiosk an der Ecke

Safenwil | 12.04.2016 15:38, egu, 1 Kommentar

Ruth Wiederkehr erfüllt seit zwanzig Jahren an der Bahnhofstrasse fast jeden Kundenwunsch.

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Ruth Wiederkehr ist seit zwei Jahren mit ihrem Kiosk im Verkausfsraum der ehemaligen Chäsi. (Emiliana Salvisberg)

«Ob am Anfang oder am Ende der Bahnhofstrasse in Safenwil – der Standort unseres Kiosks ist an der Strassenecke», sagt Inhaberin Ruth Wiederkehr lachend. Seit zwei Jahren führt sie «Ruths Kiosk» in der ehemaligen Chäsi. Über denselben Ladentisch, wo bis April 2012 noch Käse, Milch und Joghurt gingen, verkauft Ruth Wiederkehr mit ihren beiden Teilzeitmitarbeiterinnen Süssigkeiten, Getränke, Lesestoff und Zigaretten. «Das Sortiment haben wir etwas ergänzt. Was wir nicht führen, bestellen wir aber gerne für unsere Kunden», betont sie. Für Stammkunden werden Zeitschriften zurückgelegt und auch mal in den Briefkasten geliefert. Als DPD-Stelle können Pakete aufgegeben und abgeholt werden.

Jugendtraum erfüllt

«Freundlichkeit, Service und ein offenes Ohr, das ist unser Rezept», sagt die Quereinsteigerin. «Mit dem Kauf des Kiosks habe ich mir einen Jugendtraum erfüllt. Ich wollte schon immer Verkäuferin werden.» In Zofingen, wo sie geboren und aufgewachsen ist, machte Ruth Wiederkehr eine kaufmännische Lehre bei Ringier. Danach arbeitete sie als Disponentin unter anderem bei der Färberei AG und später als Sachbearbeiterin bei der Oftringer Oertli Service AG. In einem Zeitungsinserat entdeckte sie 1996, dass der Kiosk zum Verkauf steht und ergriff die Chance. Damals stand das Holzhäuschen schräg gegenüber dem Bahnhofgebäude auf der rechten Seite der Bahnhofstrasse.

Eröffnet wurde der Kiosk von der Safenwilerin Martha Mumenthaler. Kurt Zimmerli aus Safenwil erinnert sich: «In welchem Jahr meine Grossmutter den Kiosk aufgemacht hat, kann ich nicht genau sagen. Mein Vater Johann Zimmerli hat ihn Anfang der 1960er-Jahre übernommen. Nach seinem Tod 1969 führte ihn bis Anfang der 1980er Jahre meine Mutter Martha.» Wegen dem Bau der Bahnhofunterführung musste der Kiosk versetzt werden und kam so an die Bahnhofstrasse vor die Trafostation der Hochuli & Co Safenwil (HoCoSa) zu stehen.

1897 wurde die Feinstrickerei und Baumwollspinnerei von Fritz Hochuli gegründet. Das erste Fabrikgebäude errichtete der Safenwiler gegenüber dem Bahnhof. «Damals lief alles über den Schienenverkehr», weiss Robert F. Hochuli. Der Urenkel des Gründers übernahm 1980 die Geschäftsleitung. Er erzählt, dass 1917 die Fabrik zum ersten Mal vergrössert wurde. Auf dem Fundament der ursprünglichen Fabrik entsteht eine Produktionshalle mit Strickmaschinen. In der Blütezeit um 1945 stellen rund 100 Mitarbeiter in Safenwil Trikot-Stoffe, Unterwäsche, Nachthemden und Leibchen her. Doch die Billigkonkurrenz aus Asien machte auch der HoCoSa zu schaffen. Sie wurde 1989 an die Firma Sawaco verkauft und die Produktion bis 1992 schrittweise heruntergefahren. Ein Jahr später wurde das Nachbargrundstück neben der alten Fabrik verkauft. In der neu errichteten Überbauung Zentrum befinden sich seit 1994 unter anderem eine Apotheke, eine Papeterie, die Post sowie Wohnungen.

Das alte Fabrikgebäude hat Robert F. Hochuli mehrere Jahre mietweise genutzt. 2009 verkaufte er die Immobilie an die Emil Frey AG, die die Textilfabrik umgebaut hat. Seit letztem Jahr sind im Classic Center Schweiz der Emil Frey ein Oldtimer-Museum mit Cafeteria und Shop sowie ein Showroom für den Oldtimer-Handel für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Umnutzung bedeutete vor drei Jahren den Abriss der Fabrikhalle sowie des Trafohäuschens, und für Ruth Wiederkehr die Suche nach einem neuen Standort für ihren Kiosk. Da sie nichts fand, trennte sie sich vom Holzhäuschen und zog in den Verkaufsraum der ehemaligen Chäsi um.

«Zwei Jahre sind wir nun hier», sagt Ruth Wiederkehr, während sie eine Tasse Kaffee macht. Am Schaufenster lädt ein Tischchen zum Platznehmen und Plaudern ein. «Ich schätze den Kontakt sehr.» Die Kioskinhaberin erzählt vom Generationenwechsel an der Bahnhofstrasse und wie sich die Kundschaft und deren Einkaufsgewohnheiten markant verändert haben. Ruth Widerkehr bedauert, dass nicht mehr so viele Kinder zum «Tünterle» kommen. «Ob Buchladen, Metzgerei oder Post – früher war jeder auf sein Angebot beschränkt. Heute müssen Fachläden, sofern es sie noch gibt, das Sortiment immer mehr erweitern.» Eine spürbare Konkurrenz seien nicht nur Einkaufsläden und -center, sondern Tankstellenshops.

Kühle Erfrischung zum Verweilen

Doch Ruth Wiederkehr und ihr Frauenteam halten all dem entgegen. «Wir lieben unsere Arbeit», sagt sie mit leuchtenden Augen und widmet sich der nächsten Kundin. An diesem Nachmittag sind nicht nur Süssigkeiten, Getränke, Zeitschriften und Zigaretten gefragt, sondern vor allem ein freundliches Wort, ein kurzer Schwatz. Zum Verweilen soll das neue Angebot einladen – diverse Glacesorten im Cornet, die nach Lust zusammengestellt werden können. «Ich habe zur Präsentation einige Ideen», sagt Ruth Wiederkehr und wünscht sich: «Der Kiosk soll ein Ort der Begegnung sein. Hier gibt es Neuigkeiten und Wissenswertes aus aller Welt und der Region. Was mir die Leute aber erzählen, bleibt bei mir.»

 

Kommentare (1)

Peter Höne
am 06.09.2016 um 15:50Uhr
Ein wunderschöner Bericht ihrer Zeitung über eine wunderbare Frau ! Ein toller Artikel bei dem man beim Lesen ganz deutlich vor Augen hat, was sich in diesem einzigartigen Kiosk täglich für herzliche Szenen abspielen ! Ich fühle mich dabei in meine Kindheit zurückversetzt - in eine Zeit ohne Hektik und in der Menschlichkeit noch groß geschrieben wurde !! Bleibt noch abschließend zu sagen: Die Besitzerin, Ruth Wiederkehr, ist als Mensch mit ihrer Herzlichkeit, Freundlichkeit und Persönlichkeit unverzichtbar ! Ich lebe in München - so ist es mir leider nicht möglich - sonst wäre ich jeden Tag da ! Ich danke dem Zofinger Tagblatt für diesen Artikel !!! Herzliche Grüße nach Zofingen ! Peter Höne

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